Christian Joachim Schult: Warum gute Unternehmensnachfolge im Handwerk lange vor dem Verkauf beginnt

Ein Handwerksbetrieb ist mehr als eine Firma. Er ist Verantwortung, Familiengeschichte, Ruf in der Region und oft das Ergebnis jahrzehntelanger harter Arbeit. Genau deshalb ist die Unternehmensnachfolge im Handwerk kein Thema, das man „irgendwann später“ angeht. Wer seinen Betrieb erfolgreich übergeben möchte, sollte deutlich früher beginnen, als viele denken. Beim Deutschen Marketingtag 2026 in Frankfurt sprach das Handwerksmeister Magazin mit Christian Joachim Schult, Präsident des Marketing Club Lübeck, strategischer Berater, Professional Business Coach und Sparringspartner für Unternehmer in Nachfolge- und Veränderungsprozessen.

|11. April 2026|
Christian Joachim Schult - Unternehmensnachfolge Beratung im Handwerk

In unserem Interview wurde schnell klar: Eine gute Betriebsübergabe ist kein einzelner Termin beim Notar, sondern ein strategischer, menschlicher und oft emotionaler Prozess. Unternehmensnachfolge ist kein einzelnes Ereignis, sondern ein Übergang, der über Jahre vorbereitet und bewusst gestaltet werden kann.

Warum Nachfolge von Handwerksmeistern oft zu spät angegangen wird

Christian Joachim Schult - Unternehmensnachfolgeberatung im Handwerk

Christian Joachim Schult im Gespräch mit einem Handwerksunternehmer: Gute Nachfolge beginnt mit frühzeitiger Klarheit.

Viele Handwerksmeister tragen das Thema jahrelang mit sich herum. Es ist da, aber es wird im Alltag verdrängt. Erst wenn die Belastung steigt, die Energie nachlässt oder die Frage aus der Familie lauter wird, beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken.

Genau darin liegt das Problem.

Christian Joachim Schult formuliert es klar: „Unternehmensnachfolge fängt eigentlich weit davor an, bevor die Entscheidung fällt: Ich will verkaufen.“

Das ist ein entscheidender Punkt. Denn wer erst dann startet, wenn in drei, zwei oder sogar nur einem Jahr Schluss sein soll, setzt sich selbst unter Druck. Im Handwerk kommen oft mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen: Fachkräftemangel, steigende Anforderungen, fehlende familiäre Nachfolger, Investitionsbedarf, Digitalisierung, Kundenbindung und die Frage, ob der Betrieb für einen Nachfolger überhaupt attraktiv und übergabefähig aufgestellt ist.

Eine gute Nachfolge im Handwerk braucht deshalb vor allem eines: Zeit.

Der größte Denkfehler: Nachfolge nur als Verkauf zu sehen

Christian Joachim Schult berät bei Betriebsübergaben und Unternehmensnachfolge im Handwerk

Nachfolge im Handwerk ist mehr als ein Übergabetermin – sie beginnt lange vor Vertrag, Kaufpreis und Unterschrift.

Viele Handwerksmeister und Unternehmer verbinden Nachfolge mit einem einzigen Moment: Vertragsverhandlung, Kaufpreis, Unterschrift, Übergabe. Doch diese Sicht greift zu kurz.

Schult sagt im Interview: „Nachfolge ist kein Projekt. Das kannst du nicht in Meilensteine definieren. Das ist ein Prozess.“

Gerade im Handwerk ist das spürbar. Denn hier geht es nicht nur um Zahlen, Maschinen, Kundenstämme oder Immobilien. Es geht auch um Vertrauen, Mitarbeiterbindung, gelebte Kultur, eingespielte Abläufe und den Ruf des Inhabers. In vielen Betrieben hängt noch sehr viel am Unternehmer selbst. Das macht die Übergabe anspruchsvoll.

Wer Nachfolge nur transaktional betrachtet, denkt zu klein. Viele Nachfolgevorhaben scheitern nicht am Kaufpreis oder am Vertrag, sondern an dem, was danach passiert: Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit müssen nach der Übergabe neu entstehen. Gerade die ersten Monate nach der Übergabe entscheiden oft darüber, ob eine Nachfolge wirklich gelingt.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht nur: Wer übernimmt den Betrieb? Sondern auch:

  • Ist der Betrieb ohne den bisherigen Inhaber wirklich tragfähig?
  • Ist eine zweite Ebene vorhanden?
  • Gibt es dokumentierte Prozesse?
  • Ist die Mannschaft bereit für einen Wechsel?
  • Weiß der Unternehmer selbst, wie sein Leben nach der Übergabe aussehen soll?

Was viele Handwerksunternehmer unterschätzen: Die persönliche Seite

Christian Joachim Schult berät Handwerksmeister zum Thema Nachfolge direkt vor Ort

Vor Ort im Betrieb: Christian Joachim Schult versteht nicht nur Zahlen, sondern auch die Realität und Herausforderungen im Handwerk.

Ein Betrieb ist für viele Meister ihr Lebenswerk. Sie haben ihn aufgebaut, durch Krisen getragen, Kunden gewonnen, Mitarbeiter geprägt und sich einen Namen gemacht. Ihn abzugeben ist nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung, sondern oft auch ein innerer Umbruch.

Christian Joachim Schult spricht genau diesen Punkt an:

„Viele Inhaber und Unternehmer sagen: Wie sieht meine nächste Lebensphase aus? Ich will nicht ins Leere reingehen, sondern ich will auch ein erfülltes Leben danach haben.“

Das ist einer der wichtigsten Sätze für jeden Unternehmer ab etwa Mitte 50. Wer nur die technische Übergabe plant, aber nicht die eigene neue Rolle, riskiert Unsicherheit, Widerstand oder ein unbewusstes Festhalten am Alten. Dann wird der Nachfolgeprozess unnötig schwer.

Im Handwerk sieht man das häufig. Der Senior will loslassen, aber nicht ganz. Der Nachfolger soll Verantwortung übernehmen, aber bitte nicht zu viel verändern. Oder die Familie ist sich uneinig, wer geeignet ist. Genau hier braucht es Klarheit, Struktur und jemanden, der den Prozess nicht nur fachlich, sondern auch menschlich begleiten kann.

Interne oder externe Nachfolge: Beide Wege brauchen Vorbereitung

Christian Joachim Schult zeigt einem Handwerksmeister (SHK-Betrieb) wie eine interne oder externe Nachfolge für ihn aussehen kann

Gemeinsam den Weg planen: Struktur, Klarheit und Vorbereitung sind entscheidend für eine erfolgreiche Betriebsübergabe.

Nicht jeder Betrieb wird an Sohn, Tochter oder einen langjährigen Mitarbeiter übergeben. In vielen Fällen ist eine externe Unternehmensnachfolge heute realistischer als die familieninterne Lösung. Gerade im Handwerk gewinnt das an Bedeutung.

Doch egal ob intern oder extern: Entscheidend ist die Passung. Ein Nachfolger muss nicht nur zahlen können. Er muss führen können, den Betrieb verstehen, Vertrauen bei Mitarbeitern aufbauen und die richtige Haltung mitbringen. Bei einer externen Übergabe kommt hinzu, dass Kultur, Kommunikation und Übergang besonders sauber gestaltet werden müssen.

Schult beschreibt den Übergang sehr bildhaft: „Das ist ja ein Staffelholzlauf.“

Ein starkes Bild – vor allem für Handwerksbetriebe. Denn bei einer guten Betriebsnachfolge geht es nicht darum, dass einer abrupt aufhört und der andere von heute auf morgen alles perfekt kann. Es geht darum, dass Wissen, Verantwortung, Kundenbeziehungen und Führungsrolle sauber übergeben werden.

Was ein Betrieb vor der Übergabe wirklich übergabefähig macht

Praxisnah erklärt: Eine erfolgreiche Übergabe entsteht dort, wo Struktur, Team und Zukunftsperspektive zusammenpassen.

Wer seinen Handwerksbetrieb in den nächsten drei bis fünf Jahren übergeben möchte, sollte sich nicht nur mit dem Käufer oder Nachfolger beschäftigen, sondern mit der Frage: Ist mein Unternehmen heute schon übergabefähig? Dazu gehören unter anderem:

1. Weniger Abhängigkeit vom Inhaber: Wenn alles am Chef hängt, wird es für Nachfolger schwierig. Kundenbeziehungen, Angebotsprozesse, Mitarbeiterführung und operative Entscheidungen sollten Schritt für Schritt breiter aufgestellt werden.

2. Klare Strukturen und Zuständigkeiten: Ein Betrieb wirkt attraktiver, wenn Abläufe nachvollziehbar sind und Verantwortlichkeiten nicht nur „im Kopf des Chefs“ existieren.

3. Stabile Mannschaft: Mitarbeiter sind ein zentraler Wertfaktor. Gerade im Handwerk schaut ein Nachfolger sehr genau darauf, ob das Team tragfähig ist und wie die Stimmung im Betrieb ist.

4. Zukunftsfähiges Leistungsangebot: Ein Betrieb, der nur vom Bestand lebt, ist schwerer zu übergeben als ein Unternehmen mit klarer Positionierung, guter Marktpräsenz und nachvollziehbarer Perspektive.

5. Persönliche Klarheit des Inhabers: Wer unentschlossen ist, sendet Unsicherheit aus. Der Unternehmer selbst muss wissen, was er will: familieninterne Lösung, Verkauf, Beteiligungsmodell oder schrittweiser Rückzug.

Warum gerade Handwerksmeister frühzeitig ins Gespräch gehen sollten

Christian Joachim Schult - Beratung in der Unternehmensnachfolge

Frühzeitige Klarheit schafft Handlungsspielraum – der erste Schritt beginnt oft mit einem offenen Gespräch.

In vielen Handwerksbetrieben wird erst dann aktiv gesucht, wenn es eigentlich schon spät ist. Dabei wäre ein frühes Gespräch oft der beste erste Schritt – ganz ohne Verkaufsdruck.

Genau so beschreibt Christian Joachim Schult seinen Ansatz: „Wir gehen erstmal in ein Erstgespräch rein. Da reden wir noch gar nicht über Transaktion oder solche Dinge. Da schauen wir erstmal wo stehst du eigentlich gerade? Was geht dir gerade durch den Kopf?“

Das ist für viele Unternehmer enorm entlastend. Denn nicht jeder, der sich mit Nachfolge beschäftigt, ist schon bereit für den Markt. Oft geht es zunächst darum, Gedanken zu sortieren, Optionen zu verstehen und den eigenen Standpunkt zu klären.

Gerade für ältere Handwerksunternehmer ist das wertvoll. Denn viele tragen Verantwortung für Mitarbeiter, Familie und Kunden zugleich. Da ist es hilfreich, nicht sofort in Kaufpreis- und Vertragslogik einzusteigen, sondern erstmal den richtigen Rahmen für die nächsten Jahre zu schaffen.

Erfolgreiche Betriebsübergabe heißt auch: den Nachfolger stark machen

Christian Joachim Schult Beratung für Nachfolge im Handwerk

Gemeinsam in die Zukunft blicken: Eine starke Nachfolge entsteht, wenn beide Seiten Vertrauen und Verantwortung teilen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt aus dem Interview: Der Fokus darf nicht nur auf dem Übergeber liegen. Auch der Nachfolger braucht Begleitung.

Christian Joachim Schult sagt dazu:

„Und für denjenigen, der ein Unternehmen übernimmt, ist das ja kein Karriereschritt. Das ist erstmal richtige Verantwortung.“

Das trifft den Kern. Ein Handwerksbetrieb ist kein bloßes Investmentobjekt. Wer übernimmt, übernimmt Menschen, Verpflichtungen, Risiken, Entscheidungen und oft auch eine Identität, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Deshalb reicht es nicht, einen Kaufvertrag zu unterschreiben. Entscheiden ist, dass der Nachfolger in seine Rolle hineinwachsen kann und das Unternehmen Stabilität behält. Gerade die ersten Monate nach der Übergabe sind eine sensible Phase, in der Führung, Vertrauen und Orientierung neu entstehen müssen. Der Nachfolger muss in seine Rolle hineinwachsen können.

Besonders gelungen wird eine Übergabe dann, wenn beide Seiten verstehen, dass es nicht um einen Bruch geht, sondern um Entwicklung.

Schult formuliert das sehr treffend:

„Wie cool ist es, wenn man an jemanden übergibt, wo er weiß: Mein Lebenswerk führt er weiter und er sattelt noch was oben drauf.“

Genau darin liegt die große Chance der Unternehmensnachfolge im Handwerk: Nicht nur bewahren, sondern weiterentwickeln.

Praxisbeispiel aus dem Handwerk: So sieht ein typischer Nachfolgefall aus

Christian Joachim Schult berät einen Inhaber eines Sanitärinstallationsbetrieb

Direkt im Betrieb: Im Austausch vor Ort werden Chancen, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven greifbar.

Ein realistisches Beispiel: Ein SHK-Meister Anfang 60 führt seit Jahrzehnten einen etablierten Betrieb mit zwölf Mitarbeitern. Der Sohn möchte nicht übernehmen. Zwei gute Mitarbeiter wären fachlich stark, trauen sich aber die Unternehmerrolle nicht zu. Gleichzeitig weiß der Inhaber, dass er in spätestens fünf Jahren kürzertreten möchte. Was wäre jetzt falsch? Noch zwei Jahre abwarten und hoffen, dass sich „schon etwas ergibt“.Was wäre richtig? Jetzt beginnen.

Zum Beispiel so:

  • persönliche Zielklärung des Inhabers
  • ehrliche Bestandsaufnahme des Betriebs
  • Prüfung interner und externer Nachfolgeoptionen
  • Entwicklung eines Übergangsszenarios
  • Stärkung von Führung und Struktur im Betrieb
  • schrittweise Vorbereitung des Nachfolgers oder Verkaufsprozesses

So entsteht Spielraum. Und Spielraum ist bei der Betriebsübergabe im Handwerk oft der Unterschied zwischen einer geordneten, wertschätzenden Lösung und einer hektischen Notentscheidung.

Christian Joachim Schult: Erfahrung aus Konzern, Mittelstand und Familienunternehmen

Christian Joachim Schult - Erfahrung aus Konzern, Mittelstand und Familienunternehmen

Erfahrung trifft Praxis: Strategische Kompetenz und Verständnis für den Mittelstand auf Augenhöhe.

Wer Nachfolge begleitet, braucht nicht nur Theorie, sondern Verständnis für wirtschaftliche Realität, Führung und Menschen. Genau hier bringt Christian Joachim Schult eine seltene Kombination mit.

Schult stammt selbst aus einem handwerklich geprägten Umfeld: Er ist im elterlichen Tischlereibetrieb aufgewachsen, den sein Vater als Innenarchitekt führte. Nach Stationen in leitenden Positionen unter anderem bei Bosch, Dräger, Bosch Rexroth, LESER und BAADER absolvierte er eine Ausbildung zum zertifizierten Professional Business Coach und ist assoziiertes Mitglied im Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC).

Heute arbeitet er als Strategic Consultant & Executive Business Coach. Zusätzlich engagiert er sich als Präsident des Marketing Club Lübeck, Mentor und Referent bei GATEWAY49 und ist Kooperationspartner der ConVeritas Management Consultants im Kontext von Leadership, Recruiting, Persönlichkeitsentwicklung und Unternehmensnachfolge.

Sein Ansatz ist bewusst co-kreativ, strategisch und menschlich zugleich. Das passt besonders gut zu mittelständischen und handwerklichen Unternehmen, in denen es nicht nur um Struktur, sondern immer auch um Persönlichkeit, Familiengeschichte und Verantwortung geht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Nachfolgeplanung?

Der richtige Zeitpunkt ist früher als gedacht – Klarheit entsteht im Gespräch und mit einem klaren Plan.

Die ehrliche Antwort lautet: früher als gedacht.

Wer heute 55 ist und einen Betrieb führt, sollte sich zumindest beginnen, mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nicht, weil morgen verkauft werden muss – sondern weil gute Entscheidungen Vorlauf brauchen.

Im Interview bringt Schult genau das auf den Punkt:

„Die Handwerksmeister müssen sich diese Frage eigentlich stellen, wenn sie 55, Ende 50 sind. Die meisten starten viel zu spät damit.“

Dieser Satz sollte vielen Unternehmern zu denken geben. Denn je früher Klarheit entsteht, desto größer ist der Handlungsspielraum. Und desto besser lassen sich Wert, Stabilität und Zukunft des Betriebs sichern.

Nachfolge im Handwerk braucht Klarheit, Haltung und einen guten Prozess

Ein gelungener Abschluss: Wenn Klarheit, Vertrauen und ein strukturierter Prozess zusammenkommen.

Die Unternehmensnachfolge im Handwerk ist kein Randthema für später. Sie ist eine der wichtigsten unternehmerischen Aufgaben überhaupt. Wer früh beginnt, erhöht die Chance auf eine gute Lösung für sich selbst, für die Familie, für die Mitarbeitenden und für den Fortbestand des Betriebs.

Eine erfolgreiche Betriebsübergabe braucht dabei mehr als Verträge und Zahlen. Sie braucht einen klaren Blick auf das Unternehmen, eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft und einen Übergang, der beide Seiten stärkt. Gute Unternehmensnachfolge entsteht dort, wo Struktur im Prozess und Vertrauen zwischen Menschen zusammenkommen.

Oder, wie Christian Joachim Schult es sinngemäß deutlich macht:

Es geht nicht nur darum, ein Unternehmen abzugeben. Es geht darum, einen Weg zu gestalten, auf dem Verantwortung gut weitergetragen werden kann.

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